Zerstörte Anlagen in Saudi-Arabien: Angriff auf das Herz der globalen Ölindustrie

Kaum jemand hat geahnt, wie verletzlich die saudi-arabische Ölindustrie ist. Dass mittels asymmetrischer Kriegsführung, mit Drohnen offenbar, einfach mal so die größte Ölraffinerie Saudi-Arabiens außer Gefecht gesetzt werden kann. Dass ein paar relativ billige Fluggeräte, angeblich von schiitischen Huthi-Rebellen im Jemen gesteuert, binnen Stunden die globalen Ölpreise durch die Decke gehen lassen und die Weltwirtschaft in Aufruhr bringen.

Saudi-Arabien erlebt in den Tagen nach dem überraschenden Angriff auf seine Ölfabrik Abkaik und das Ölfeld Khurais eine Art nationales Trauma: Der weltweit größte Ölexporteur und wichtigsten Alliierte der USA am Golf offenbart eine überraschende Verwundbarkeit – mit Folgen für die ganze Welt.

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende, ODbL

Nie zuvor hat ein einzelnes Ereignis dem globalen Ölmarkt solche Mengen entziehen können. Saudi-Arabien förderte bisher annähernd zehn Millionen Barrel Öl pro Tag (ein Barrel entspricht 159 Litern). Davon fehlen seit der Attacke auf einen Schlag mehr als die Hälfte: 5,7 Millionen Barrel, rund fünf Prozent der Weltölproduktion. Ökonomen nennen so etwas einen Angebotsschock.

Die Reaktion der Märkte ist angesichts dieser Dimension bislang erstaunlich moderat. Ein Barrel der Sorte Brent kostet mit gut 66 Dollar nur knapp zehn Prozent mehr als am Freitag, ein Barrel der wichtigsten US-Sorte WTI mit knapp 60 Dollar rund neun Prozent mehr.

Ein Hauptgrund für die noch recht verhaltene Reaktion dürfte die Schwäche der Weltkonjunktur sein. Das globale Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, insbesondere in China, der Ölbedarf steigt daher nicht mehr so stark. Der Weltmarkt war bis Samstag eher überversorgt – was sich auch daran zeigt, dass die Preise im Frühjahr noch bei gut 75 Dollar pro Barrel gelegen hatten und seitdem kräftig gesunken waren.

Wie es am Markt nun weitergeht, hängt vor allem davon ab, wie lange der saudi-arabische Versorgungsengpass dauert.

Szenarien für den Ölpreis

Kurzfristige Preissprünge, wie sie zum Wochenbeginn zu beobachten waren, sind volkswirtschaftlich gesehen eher nebensächlich. Nachhaltig beeinflusst würde das Wachstum in Ländern, die viel Öl importieren, nur, wenn die Preise über Monate hinweg deutlich höher lägen.

Die US-Bank Goldman Sachs, die selbst viel Geld in den Ölmarkt investiert hat, hat dazu zwei Szenarien veröffentlicht:

  • Sie prognostiziert Preise von schlimmstenfalls mehr als 75 Dollar in der zweiten Jahreshälfte, falls die Lieferung der täglich rund 5,7 Millionen Barrel länger als sechs Wochen komplett wegfallen würde.
  • Bei einem Ausfall von rund einer Woche erwartet das Geldhaus indes ein längerfristiges Preisplus von nur drei bis fünf Dollar.

Am wahrscheinlichsten ist nach aktuellem Informationsstand eine Entwicklung, die irgendwo zwischen diesen beiden Extremszenarien liegt. Nach einer Einschätzung von Energy Aspects – einem Analystenhaus, dem gute Kontakte zum staatlichen Ölkonzern Saudi Aramco nachgesagt werden – kann bestenfalls binnen Tagen die Hälfte der ausgefallenen Ölproduktion wieder aufgenommen werden. Bis die Förderung wieder komplett auf Normalniveau gestiegen sei, könnten allerdings Monate vergehen.

China, Japan und Indien besonders betroffen

Die Versorgungslücke, die der Angriff auf Saudi Aramco reißt, ist nicht überall gleich groß. Während die USA und die EU kaum saudi-arabisches Öl beziehen, sind viele asiatische Länder besonders stark darauf angewiesen: Alleine vier Millionen Barrel pro Tag gingen bisher nach Japan, Indien, China, Südkorea und Taiwan.

NASA Worldview /AFP

Rein mengenmäßig lässt sich der Ausfall vorerst gut kompensieren. Die meisten Länder, die viel Öl importieren, verfügen über strategische Reserven, um Lieferengpässe zu überbrücken. Deutschland kann seinen Ölbedarf zum Beispiel bis zu drei Monate aus eigenen Lagern decken, Indien derzeit rund 12 Tage.

„Neben den nationalen strategischen Reserven betreibt Saudi-Arabien in der Nähe wichtiger Märkte wie Indien zudem große Tanklager“, sagt Steffen Bukold vom Hamburger Branchendienst EnergyComment. Auch das Königreich selbst hat also Möglichkeiten, einer Versorgungsnot entgegenzuwirken.

Schon jetzt erste Lieferengpässe

Zu punktuellen Lieferengpässen kann es dennoch kommen, denn es gibt Hunderte verschiedene Ölsorten (Details dazu hier), und die Raffinerien sind meist auf bestimmte Sorten eingestellt. Rohöl ist für sie nicht gleich Rohöl.

Saudi-Arabien liefere zudem wichtige petrochemische Vorprodukte für die Herstellung von Kunststoffen aller Art, sagt Bukold. In solchen Märkten seien die Preise schon jetzt teils deutlich stärker gestiegen als die Rohölpreise.

Brennende Förderstätte Abkaik in Saudi-Arabien

AFP

Brennende Förderstätte Abkaik in Saudi-Arabien

Deutsche Autofahrer indes müssen sich vorerst wohl keine Sorgen machen. Denn der Rohölpreis macht nur rund 37 Prozent des Benzinpreises aus, bei 1,38 Euro pro Liter sind dies rund 51 Cent. Verteuert sich Rohöl also um zehn Prozent und steigt der Preis von Benzin im selben Maße, dann muss der Autofahrer an der Tankstelle ungefähr fünf Cent mehr bezahlen: ein überschaubarer Aufschlag – solange die Förderausfälle nicht zu lange dauern.

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Sollte Saudi-Arabien längere Zeit weniger Öl liefern, hätte vor allem der asiatische Raum ein ernstes Problem. Denn andere wichtige Förderländer wie Russland oder der Irak können ihre Ölproduktion nur in sehr begrenztem Rahmen erhöhen. Auch die US-Frackingindustrie, die als großer Gewinner des Preisschocks gehandelt wird, kann ihre Förderung nicht binnen Wochen so stark steigern, dass die Lücke am Weltölmarkt geschlossen würde.

Um eine längerfristige Öllücke zu füllen, müsste man „Tanker aus anderen Regionen umleiten und zusätzliches Öl nach Asien bringen“, sagt Experte Bukold. „Es würde allerdings Monate dauern, die Versorgungsrouten neu zu organisieren.“

Ein Rest Unsicherheit dürfte zudem auch langfristig bleiben, selbst wenn sich die saudi-arabische Ölproduktion wieder auf Normalniveau einpendelt. Denn die großen Förderanlagen des Landes galten bisher als unverwundbar. Die Anschläge vom Wochenende haben den Glauben in die Sicherheitsstrukturen des Königreichs erschüttert.

Die nächste Attacke, so die Sorge, kann jederzeit folgen. Die Huthi-Rebellen im Jemen geben sich alle Mühe, dies zur Einschüchterung Saudi-Arabiens zu nutzen. Die Ölfelder des Königreichs, streuten sie in Berichten, seien auch weiterhin im Visier ihrer Streitkräfte.