Umfragen zur Lebensmittelkennzeichnung: Verbraucher sprechen sich für Nutri-Score-Ampel aus

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner hat das Ziel für eine Nährwertkennzeichnung klar formuliert: Maßgeblich ist die Meinung der Verbraucher. Die sollen in einer Befragung entscheiden, welches von vier Modellen am besten wahrgenommen und vor allem am einfachsten verständlich ist – im September will Klöckner die Antworten vorstellen. Nun kommen ihr Foodwatch, mehrere Ärzteverbände und ein Lebensmittelhersteller zuvor und veröffentlichen eigene Befragungen.

Eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Verbraucherschützer und Mediziner vergleicht ausschließlich den Nutri-Score mit den im Auftrag von Klöckner jüngst vom Max-Rubner-Institut entwickelten „Wegweiser Ernährung“.

Die Verbraucher sollten den beiden Modellen Eigenschaften zuordnen. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Befragten bewerten den Nutri-Score in fast allen Kategorien besser: 60 Prozent der Befragten empfanden die Klöckner-Kennzeichnung „verwirrend“, 65 Prozent nannten sie „kompliziert“. Beim Nutri-Score gaben das nur sechs und vier Prozent an. (Sehen Sie in der Fotostrecke weitere Antworten und Beispiele.)

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Fotostrecke: Lebensmittelkennzeichnungen im Vergleich

Auch die Fragen, welche Kennzeichnung Verbrauchern als Entscheidungshilfe nutzen würden und welche es erleichtert, Produkte miteinander zu vergleichen, gehen klar zugunsten des Nutri-Score aus. (Lesen Sie die gesamten Fragen und Antworten hier.)

Mehr Informationen beim Klöckner-Modell

In einer Kategorie liegt das Klöckner-Modell vorn: Es liefert nach Ansicht der Befragten mehr Informationen. Tatsächlich entspricht der „Wegweiser Ernährung“ eher den Nährwertkennzeichnungen auf der Packungsrückseite, da er auch noch die genaue Menge von Salz, Zucker und Fetten angibt.

Wie der Nutri-Score zu seiner Bewertung gelangt, ist für den Käufer nicht so einfach nachvollziehbar. Neben dem Gehalt an Zucker, Salz und Fetten bezieht das Modell auch empfehlenswertere Bestandteile wie Ballaststoffe mit ein – und zeigt als Ergebnis einen einzigen Wert auf einer fünfstufigen Ampelskala.

Das Modell ist in Frankreich und Belgien schon weit verbreitet, auch Spanien, Portugal, Luxemburg und die Schweiz werden es wohl einführen. In deutschen Supermärkten gibt es bereits mit Nutri-Score gekennzeichnete Produkte von Danone, Iglo, Bofrost und einigen kleineren Herstellern.

Auch Bofrost hat seine Kunden befragt, welches der vier auch vom Bundesagrarministerium ausgewählten Modelle am besten verständlich sei. Den Angaben zufolge sprachen sich 94 Prozent der Befragten grundsätzlich für die Einführung einer zusätzlichen Kennzeichnung aus. Der Nutri-Score liegt hier mit 37 Prozent Befürwortern nur knapp vor dem Modell der Ernährungsindustrie (36 Prozent). Bei der Verständlichkeit gewinnt der von Bofrost bereits eingeführte Nutri-Score allerdings deutlich gegenüber allen anderen Kennzeichnungen.

Befragte mit starkem Übergewicht wollen den Nutri-Score

Verständlichkeit ist allerdings das wichtigste Ziel eines entsprechenden Labels, darauf drängen Verbraucherverbände und die anderen Auftraggeber der Forsa-Umfrage wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin oder die Deutsche Adipositas Gesellschaft: „Das neue Kennzeichnungssystem muss gerade für die besonders von Fehlernährung und Übergewicht betroffenen Bevölkerungsgruppen verständlich sein“, sagt Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

In der Umfrage favorisierten vor allem jene den Nutri-Score, die besonders stark von Fehlernährung betroffen sind. Die Befragten mit geringem formalem Bildungsgrad und jene mit starkem Übergewicht bevorzugten jeweils zu drei Vierteln den Nutri-Score, den beide Gruppen auch häufiger als hilfreich bei der Auswahl gesunder Produkte bewerteten.

Der Nutri-Score hat in Dutzenden Umfragen und Untersuchungen gut abgeschnitten, mehrere Unternehmen in mehreren europäischen Staaten haben das Kennzeichnungsmodell bereits eingeführt oder planen es. Bundesernährungsministerin Klöckner beharrt aber darauf, das Beste aller Modelle einzuführen – auch wenn das aufgrund von EU-Vorgaben ohnehin nur auf freiwilliger Basis möglich ist. Im Juli hat sie noch einmal betont, dass sie „keine Präferenz“ habe – maßgeblich sei nur das Ergebnis der eigenen Verbraucherbefragung.

Kurz bevor die Forsa-Umfrage vorgestellt wurde, äußerte ein Sprecher des Ministeriums vorsorglich Kritik: „Es ist erstaunlich, wie Fakten verdreht und Haltungen leichtfertig nach Belieben angepasst werden“, heißt es etwa in Bezug auf die Bezeichnung „Klöckner-Modell“. Richtig sei vielmehr, dass das Max-Rubner-Institut ein eigenes Kennzeichnungsmodell entwickelt habe „unabhängig von inhaltlichen Vorgaben unseres Ministeriums“. Und weiter: „Es wäre wünschenswert, dass sich Verbände, die sich in ihren Forderungen auf Fakten beziehen, an ebensolche halten.“