Studie zum Kohleausstieg: Strompreise könnten bis 2022 um mehr als 60 Prozent steigen

Der Kohleausstieg könnte zum Stresstest für Regierung und Versorger werden. Laut einer Analyse der Unternehmensberatung Oliver Wyman drohen die Großhandelspreise für Strom bis 2022 deutlich zu steigen – von durchschnittlich rund 40 Euro pro Megawattstunde im Jahr 2018 auf dann mehr als 65 Euro. Die Stromimporte aus dem Ausland könnten sich im selben Zeitraum mehr als verdoppeln.

„Die Zeit der niedrigen Strompreise ist vorbei“, sagt Jörg Stäglich, Energieexperte bei der Unternehmensberatung. „Zugleich erhöht sich durch den Kohleausstieg die Volatilität. Wir werden Preissprünge und anschließende Korrekturen erleben.“

Verbraucher werden diesen Anstieg spüren – allerdings muss niemand fürchten, dass sein Strom plötzlich das Anderthalbfache kostet. Denn die Erzeugung und der Vertrieb von Strom machen nur rund ein Fünftel des Endkundenpreises aus. Hinzu kommen unter anderem noch Netzentgelte, Steuern sowie die sogenannte EEG-Umlage, mit der Verbraucher den Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland mitfinanzieren. Diese Gebühren sind in den vergangenen Jahren allerdings teils ebenfalls gestiegen.

Die Prognose, die dem SPIEGEL vorliegt, basiert auf einer Modellrechnung, die die Entwicklung des deutschen Strommarkts simuliert. Das Modell bildet unter anderem die Leistung aller Kraftwerke und deren Betriebskosten ab; dazu berücksichtigt es den Ausbau der erneuerbaren Energien, Speicher und Preisprognosen, den die Stromnetzbetreiber in ihrem sogenannten Netzentwicklungsplan zugrunde gelegt haben.

Auch die Empfehlungen der Expertenkommission „Wachstum, Beschäftigung, Strukturwandel“ für den Kohleausstieg fließen in die Berechnungen ein. Diese sogenannte Kohlekommission war eingesetzt worden, um einen gesellschaftlich tragfähigen Konsens für den Kohleausstieg zu erarbeiten. Die Bundesregierung hat angekündigt, den Vorschlägen der Experten weitgehend zu folgen.

Schneller Start bei Kohleausstieg

Den Preisschub bis Ende 2022 begründet Oliver Wyman damit, dass der Kohleausstieg in recht hohem Tempo starten soll. Nach Empfehlung der Kommission sollen bis 2022 bereits Meiler mit einer Leistung von rund 12,5 Gigawatt stillgelegt sein. Gleichzeitig sollen bis Ende 2022 auch die verbleibenden Atomkraftwerke vom Netz gehen.

Von 2023 bis 2029 könnten die durchschnittlichen Strompreise laut den Berechnungen der Unternehmensberatung zurück auf rund 45 Euro pro Megawattstunde fallen, weil der Anreiz zum Bau neuer Gaskraftwerke steige und sich das Stromangebot so wieder erhöhe. Bei entsprechender Förderpolitik könne auch der Ausbau von Stromspeichern und Power-to-Gas-Anlagen vorangehen.

Bis 2038 – dem Jahr, in dem der Kohleausstieg vollendet sein soll – dürften sich die Strompreise auf einem Niveau von rund 50 Euro einpendeln, heißt es in der Analyse weiter.

Die Preisschwankungen dürften mit wachsendem Anteil der erneuerbaren Energien zunehmen: In Zeiten, in denen viel Ökostrom produziert wird, dürften die Preise gen null oder gar in den negativen Bereich sinken. Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, seien indes „sehr hohe Preise“ zu erwarten.

Die Einnahmen für Kraftwerksbetreiber dürften dennoch immer mehr zurückgehen, schreibt die Unternehmensberatung. Denn die Zeiträume, in denen ihre Anlagen überhaupt noch gebraucht werden, würden nach und nach immer kleiner.

„Je später das Gesetz kommt, desto knapper könnte der Strom werden“

Die Bundesregierung will ihr Gesetz für den Kohleausstieg noch im laufenden Jahr vorlegen. Wie der SPIEGEL aus Regierungskreisen erfuhr, peilt das Kabinett derzeit an, den Entwurf am 20. November zu beschließen. Fünf Umweltschützer, die bis Januar der Kohlekommission angehörten, werfen dem zuständigen Wirtschaftsminister Peter Altmaier vor, den Kohleausstieg zu verschleppen.

Auch die Energieexperten von Oliver Wyman halten es für sinnvoll, das Gesetz rasch zu verabschieden. „Solange das Gesetz nicht vorliegt, haben Kraftwerksbetreiber keine Planungssicherheit“, sagt Co-Studienautor Thomas Fritz. Dadurch drohe sich der Bau neuer Gaskraftwerke zu verzögern. „Je später das Gesetz kommt, desto knapper könnte der Strom in den kommenden Jahren werden“, sagt Fritz. „Die Strompreise würden dadurch schlimmstenfalls noch stärker steigen.“

Insgesamt sieht Stäglich zwei wichtige Vorgaben der Energiewende gefährdet: die Bezahlbarkeit der Energie und die Versorgungssicherheit. „Politik und Energiewirtschaft müssen rasch handeln, um gegenzusteuern“, mahnt der Experte.

Mit Blick auf den Strompreis hat die Kohlekommission in ihrem Abschlussbericht empfohlen, Unternehmen und private Haushalte zu entlasten. Möglich sei dies zum Beispiel über eine Reduzierung der Netzgebühren, die für private Haushalte etwa ein Fünftel des Strompreises ausmachen können.