Prognose für Deutschland: Wem Altersarmut droht – und was dagegen helfen könnte

Seien wir mal optimistisch und nehmen an, in den nächsten 20 Jahren läuft die Konjunktur weiter so geschmiert wie im vergangenen Jahrzehnt. Mit zuverlässigem Wachstum und halbwegs sicherer Beschäftigung für die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung. Zugegeben, das ist wirklich sehr optimistisch.

Aber selbst unter diesen sonnigen Bedingungen werden die Schatten über einem Teil der Gesellschaft immer weiter wachsen. Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ausgerechnet hat, wäre selbst dann jeder fünfte Rentner von Altersarmut betroffen: 21,6 Prozent könnten es nach diesen Berechnungen sein. Heute sind es 16,8 Prozent.

Nun muss man natürlich vorsichtig sein mit solchen Zahlen. Wer zwei Jahrzehnte in die Zukunft kalkuliert, muss viele Annahmen treffen, die er zwar nicht überprüfen kann, die sich aber auf das Rechenergebnis stark auswirken. Wenn sich zum Beispiel die Konjunktur schlechter entwickelt, dürfte auch die Zahl der armen Senioren noch höher sein: Eine schwache Wirtschaft führt zu mehr Arbeitslosen, die weniger fürs Alter zurücklegen können.

Manche Gruppen trifft es härter als andere

Dennoch bietet die aktuelle Studie des DIW, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt wurde, Orientierung für aktuelle Debatten. Schließlich streitet die Große Koalition gerade um die Grundsicherung, die in Zukunft größere Altersarmut verhindern soll. Deshalb haben die Autoren der Studie unter gleichbleibenden Annahmen – siehe Konjunktur – durchgerechnet, wie sich verschiedene Modelle der Sicherung auswirken.

Und sie zeigt auf, welche Beschäftigtengruppen besonders von Armut bedroht sind. Dabei wird deutlich: Im Alter werden es vor allem geringqualifizierte Menschen und Alleinstehende schwer haben – wobei alleinstehende Frauen schlechter wegkommen als Männer. In der folgenden Grafik wird das gezeigt an der Grundsicherungsquote, also an dem Anteil der Menschen in der jeweiligen Gruppe, die vermutlich Grundsicherung beziehen werden, weil ihre Rente nicht reicht. In den beiden Gruppen wird sich laut der DIW-Prognose die Quote verdoppeln. Trüb sind auch die Aussichten für Menschen mit Migrationshintergrund und solche, die eine lange Phase der Erwerbslosigkeit durchlebt haben.

Unterschieden wird hier auch nach ost- und westdeutschen Beschäftigten. Derzeit steht der Osten in diesem Punkt besser da, großenteils wohl eine Folge der höheren Frauenbeschäftigung schon zu DDR-Zeiten, aber auch nach der Wende. Später allerdings dürfte die hohe Arbeitslosigkeit, unter der die Ostländer so lange litten, auf die Renten durchschlagen. Das ist bitter gerade in Regionen, die sich ohnehin oft abgehängt fühlen.

Die Große Koalition hat das Grundproblem bereits im Blick – aber ist sich uneinig, wie man damit verfahren sollte. Die Autoren haben deshalb verschiedene Vorschläge durchgerechnet. Die wichtigsten sind:

  • Die Grundrente nach den Plänen des Koalitionsvertrags: Wer mindestens 35 Jahre in die Sozialkassen eingezahlt hat, soll beim Grundsicherungsbedarf einen Zuschlag von zehn Prozent erhalten, allerdings erst, nachdem seine Bedürftigkeit geprüft wurde. Das DIW schätzt, dass die Kosten dieser Maßnahme „moderat“ sind. Allerdings: Auch die Wirkung sei begrenzt, weil „weniger als ein Drittel der Personen mit Grundsicherungsanspruch auf die geforderten 35 Versicherungsjahre“ kommt, so Studienautor Johannes Geyer.
  • Die Grundrente nach dem Vorschlag von Arbeitsminister Hubertus Heil
    : Der SPD-Mann sieht eine Aufwertung von niedrigen Beiträgen in die Rentenversicherung vor, wie sie Geringverdiener notgedrungen leisten. Geben soll es das für Personen mit mindestens 35 Versicherungsjahren, aber in den meisten Fällen ohne Bedürftigkeitsprüfung. Das Armutsrisiko ließe sich damit deutlich reduzieren, so die Prognose der Ökonomen. Allerdings würden auch viele Menschen profitieren, deren Nettoeinkommen nach den Berechnungen oberhalb der Grundsicherungsschwelle liege – das mache die Sache teuer. Zwar würde der Kreis der Begünstigten größer, weil die Bedürftigkeit nicht geprüft wird und nur formelle Kriterien erfüllt sein müssten. Aber weil auch hier 35 Beitragsjahre vorausgesetzt werden, blieben viele Menschen außen vor, die es besonders nötig haben. (Eine Analyse zu der SPD-Grundrente lesen Sie hier.)

Christof Schiller, der die Studie bei der Bertelsmann-Stiftung verantwortet, schlägt deshalb zwei Ergänzungen zu Heils Grundrente vor:

  • Eine einfache Einkommensprüfung würde sicherstellen, dass nur einkommensschwache Haushalte berücksichtigt werden; um den Verwaltungsaufwand gering zu halten, sollte man aber auf eine Vermögensprüfung verzichten.
  • Größere Flexibilität bei den Versicherungszeiten könnte vor allem den Rentnern helfen, deren Erwerbsleben von längeren Zeiten der Arbeitslosigkeit unterbrochen wurde.

So sei es möglich, zu geringeren Kosten und dennoch zielgenauer zu helfen. Wenn denn alle Annahmen stimmen.

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