Nordsyrien: So ziehen sich die US-Soldaten zurück – und diese Gefahren gibt es

Kaum mehr als 48 Stunden war es her, dass Donald Trump den Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien offiziell befohlen hatte, da tauchten am Dienstag in den sozialen Medien Videos von Oleg Blochin auf. Der russische Journalist hatte in der Vergangenheit die Söldner der russischen Wagner-Gruppe ebenso in dem Bürgerkriegsland begleitet wie Soldaten des syrischen Diktators Baschar al-Assad.

„Guten Tag an alle aus Manbidsch“, sagt Blochin in einem der Videos. „Ich befinde mich auf einer amerikanischen Basis, auf der sie gestern Morgen noch waren. Und heute Morgen sind wir schon hier.“ Anschließend schaut er sich offenbar auf der verlassenen US-Basis in Nordsyrien um.

Fast zeitgleich kommt die Bestätigung aus Bagdad: „Wir sind raus aus Manbidsch“, twittert Myles B. Caggins, Sprecher der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS).

In den USA wird Trump für seine Entscheidung heftig kritisiert: Die Vereinigten Staaten, so der Vorwurf, hinterließen einen Lücke, die nun Russland und seine Verbündeten füllten. Doch was bedeutet die Entscheidung für die insgesamt rund tausend Soldaten vor Ort? Und welche Gefahren birgt der Rückzug? Antworten auf die wichtigsten Fragen.


Wo waren die US-Truppen vor der türkische Offensive im Einsatz?

Die US-Soldaten, größtenteils Spezialkräfte, operierten verteilt auf etwa ein Dutzend Basen und Außenposten im Nordosten Syriens. Sie lebten größtenteils an der Seite ihrer kurdischen Verbündeten.

Rund 500 Soldaten waren einem Hauptquartier West zugeteilt. Dieses übersah ein halbes Dutzend kleinerer Außenposten im Gebiet um Manbidsch und Rakka. Das Hauptquartier Ost lag in der Nähe der irakischen Grenze. Dort waren ebenfalls etwa 500 Soldaten im Einsatz. Aufgrund häufiger Truppenbewegungen zwischen Irak und Syrien schwankte ihre Zahl jedoch.


Wie reagierten die Soldaten auf die Entscheidung des Präsidenten?

Mit seiner Entscheidung für einen plötzlichen Rückzug traf Trump sowohl das Pentagon als auch die Truppen in Nordsyrien unvorbereitet. Einige von ihnen äußerten anonym Kritik am Truppenabzug.

„Sie haben uns vertraut und wir haben dieses Vertrauen gebrochen“, zitierte die „New York Times“ einen US-Offizier, der an der Seite der Kurden in Nordsyrien kämpfte. Er sprach von einem „Flecken auf dem amerikanischen Gewissen“. Er schäme sich, sagte ein anderer Soldat der Zeitung. (Mehr dazu lesen Sie hier.)


Wie vollzieht sich der Abzug?

Die US-Soldaten werden laut „New York Times“ zunächst diejenigen Posten verlassen, die am nächsten an den heranrückenden ausländischen Truppen liegen. Bei Letzteren handelt es sich um die türkische Armee, mit ihr verbündete Milizen sowie russische Kräfte und Assads Soldaten.

Die Hauptquartiere Ost und West werden demnach den Rückzug wahrscheinlich unabhängig voneinander antreten. Im Westen soll dies über einen Flugplatz in Kobane geschehen, voraussichtlich mit Transportflugzeugen. Im Osten sollen die US-Truppen – hauptsächlich in Konvois, teils in Hubschraubern – die Grenze zu Irak überqueren.


Bleiben US-Truppen in Syrien?

Eine kleinere Truppe bleibt in al-Tanf stationiert, einer kleinen Garnison im Süden Syriens unweit der Grenze zu Jordanien und dem Irak. Das teilte Trump am Sonntag mit. Laut „New York Times“ soll es sich dabei um etwa 150 Soldaten handeln. Der Großteil der Soldaten, die Syrien verlassen, wird demnach wohl in den Irak oder nach Jordanien verlegt; einige könnten in die USA zurückkehren.

In der Mitteilung des Präsidenten heißt es dazu lediglich, die Soldaten, die Syrien verließen, würden „in der Region“ bleiben und die Lage weiter beobachten. Ihre Mission ist demnach: eine Wiederholung der Ereignisse des Jahres 2014 verhindern, „als die vernachlässigte Bedrohung von ISIS quer durch Syrien und Irak wütete“.


Wie gefährlich ist der Rückzug?

Für die amerikanischen Soldaten ist der Rückzug mit erheblichen Gefahren verbunden. Sowohl Militärkonvois als auch Hubschrauber und Transportflugzeuge könnten zur Zielscheibe verschiedener bewaffneter Gruppen werden:

  • Da sind zunächst mögliche Attacken durch IS-Schläferzellen, die nach der weitgehenden Niederlage der Terrormiliz untergetaucht waren. Außerdem sollen im Zuge der türkischen Offensive Hunderte IS-Kämpfer aus einem Lager geflohen sein.
  • Weitere Gefahren drohen durch arabische Milizen, die mit der Türkei verbündet sind. Diese bildeten zuletzt die Speerspitze der türkischen Offensive auf dem Boden. Sie gelten als weniger diszipliniert als Einheiten der türkischen Armee und sollen Berichten zufolge schon auf abrückende US-Truppen gefeuert haben.
  • Auch kann in den Kriegswirren nicht ausgeschlossen werden, dass es zu einer Konfrontation mit russischen Kräften oder den mit ihnen Verbündeten Truppen Assads kommt.

Die Risiken, die mit dem ruckartigen Rückzug einhergehen, zwingen die USA zu einem weitreichenden Schritt: Sie werden zunächst weitere Truppen nach Syrien schicken müssen. „Wir verlegen zusätzliche Kräfte in die Region, um – soweit notwendig – beim Schutz der Truppe zu helfen“, sagte jüngst Verteidigungsminister Mark Esper. Die Kurden unterstützten einst den Betrieb der US-Basen. Doch seit Beginn der türkischen Offensive sind die einstigen Verbündeten im Verteidigungskampf gebunden.