Klimawandel: Warum wir uns fürs Fliegen schämen sollten


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    Stefan Gössling ist Professor am Institut für Service Management der Universität Lund und an der School of Business and Economics der Linné-Universität in Kalmar (beide Schweden). Er forscht zu Klimawandel, Mobilität und Tourismus. Gössling berät zahlreiche internationale Organisationen und Regierungen und ist Mitverfasser des 4. Rahmenberichtes des Weltklimarats IPCC.

Kommentatoren in verschiedenen deutschen Medien haben in den vergangenen Wochen behauptet, dass wir uns „für das Fliegen nicht schämen müssen“. Zwei der am häufigsten angeführten Argumente sind diese: Das Fliegen stehe nur für wenige Prozent der globalen Emissionen, kein Flugreisender müsse sich da Gedanken machen. Und: bereits in naher Zukunft werde das Klimaproblem sowieso durch technische Innovationen gelöst, Fliegen werde immer effizienter.

Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich das anders dar. Dazu muss man zunächst wissen, dass nur geschätzte drei Prozent der Weltbevölkerung innerhalb eines Jahres in ein anderes Land reisen. Auch in Deutschland nutzt weniger als die Hälfte der Bevölkerung das Flugzeug. Fliegen ist, zumindest global gesprochen, die Aktivität einer kleinen Elite.

Auch innerhalb dieser Elite ist Flugaktivität nicht gleich verteilt. Es gibt einen kleinen Anteil von Flugreisenden, die sehr viel fliegen, bis zu 300 Mal im Jahr. Diese Vielflieger können Hunderttausende Kilometer zurücklegen und Tausende von Tonnen CO2 produzieren. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Erdbürger verursacht im Jahr Emissionen von weniger als fünf Tonnen CO2, selbst in Deutschland liegt der Durchschnitt bei „nur“ neun Tonnen CO2.

Die Verantwortung für Emissionen übernehmen

Ob man fliegt, ist also sehr relevant für das Klima. Genau deswegen brauchen wir auch eine Debatte darüber, wer viele Emissionen verursacht und zu welchem Zweck. Es gibt Menschen, die fliegen einmal im Jahr in den wohlverdienten Urlaub zu einem nahen Ziel. Es gibt aber auch Geschäftsreisende, die zusätzliche Fernreisen machen, nur um in ihrer Vielflieger-Statusklasse zu bleiben. Auf Englisch spricht man von „mileage runs“.

Genau dies ist der Ansatzpunkt der Flugschamdebatte: Sie fordert jeden Einzelnen dazu auf, persönlich Verantwortung für Emissionen zu übernehmen. Die Bundesregierung versucht seit den Neunzigerjahren, die Industrie zu Emissionsminderungen zu verpflichten. Dieser produktionsbezogene Ansatz hat nicht funktioniert, die deutschen Klimaziele wurden verfehlt.

Die Strategie hat auch deshalb nicht funktioniert, weil eine kleine Klasse von „Superemittern“ immer größere Emissionen verursacht. Das Argument, der relativ kleine Anteil eines Wirtschaftssektors an den Gesamtemissionen mache diesen Sektor irrelevant, zeugt von einem grundlegenden Unverständnis der gesellschaftlichen Strukturen und Dynamik der Emissionsentwicklungen.

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Darum ist auch die Vorstellung falsch, durch Technologie alles richten zu können. Flugzeuge werden immer effizienter, das ist richtig. Es fliegen aber auch immer mehr Menschen. Effizienzgewinnen von einem Prozent pro Jahr steht ein Nachfragezuwachs von bis zu sieben Prozent pro Jahr gegenüber. In der Konsequenz verdoppeln sich die Emissionen aus dem Flugverkehr etwa alle 20 Jahre. Ohne ernstzunehmende Klimapolitik wird sich das nicht ändern.

Um die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, müssen alle Sektoren ihre Emissionen reduzieren. Im Flugverkehr wird das nur möglich sein, wenn Abgaben in einer Höhe erhoben werden, die die Entwicklung alternativer Technologien und Treibstoffe ökonomisch sinnvoll macht. Abgaben sollten also in Abhängigkeit vom ausgestoßenen CO2 erhoben werden, ausreichend hoch sein (50 Euro pro Tonne sind realistisch), und kontinuierlich steigen.

Die Subventionen nutzen den Vielfliegern

Das Argument, eine solche Politik würde Arbeitsplätze vernichten oder arme Familien ihrer Urlaubsmöglichkeiten berauben, ist nicht haltbar. Der Flugverkehr ist in Deutschland massiv subventioniert, was dazu führt, dass es teurer ist, mit der Bahn zu fahren als zu fliegen. Diese Subventionen nutzen also insbesondere den vielfliegenden ökonomischen, kulturellen und politischen Eliten. Wirklich arme Familien fliegen nicht in den Urlaub.

Sicherlich brauchen wir aber auch ein besseres Verständnis des Einzelnen, was CO2 ist und wie viel CO2 wo entsteht. Gerade bei den energieintensiven Flugreisen sollte besser nachvollziehbar sein, wie klimaschädlich diese sind. Dazu wäre es hilfreich, wenn Angaben zu Emissionen auf jedem verkauften Flugticket zu finden wären: „Diese Reise verursacht 800 Kilogramm CO2, das entspricht 20 Prozent der nachhaltigen Emissionen von 4000 Kilogramm CO2 pro Person und Jahr“.

Reisende können so nicht nur besser einschätzen, was eine Flugreise für das Klima bedeutet, sondern sich auch über Alternativen Gedanken machen: Nehme ich doch lieber den Zug? Welches ist die klimafreundlichste Fluggesellschaft? Sollte ich eine Klimakompensation kaufen? Sich für einen Flug zu schämen, ist also ein guter Einstieg in den Klimaschutz.