Gefechte im jemenitischen Aden: „Alle möglichen Geschütze wurden eingesetzt“

Seit einer Woche kommt es in der jemenitischen Hafenstadt Aden immer wieder zu Kämpfen zwischen Verbündeten der Vereinigten Arabischen Emirate und Verbündeten Saudi-Arabiens – dabei kämpften die bisher gemeinsam gegen die Houthis. Der Schweizer Matthias Kempf leitet seit April das Büro des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) in Aden und hat die Kämpfe dort miterlebt. (Eine ausführliche Analyse der politischen und militärischen Konflikte lesen Sie hier.)

SPIEGEL: Wo waren Sie während der Gefechte?

Matthias Kempf: In Aden liegen Büro und Wohnhaus des IKRK zusammen; in der Nähe ist eine Militärbasis. Die Kämpfe haben ein paar hundert Meter entfernt stattgefunden. Wir sind mit unserem Team in den Schutzraum und haben uns darin eingeschlossen. Draußen war es sehr laut; es wurden alle möglichen Geschütze eingesetzt, offenbar auch Panzer. Es war sehr beklemmend.

Helfer Kempf: Verschiedene Schichten von Leid und Schwierigkeiten

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Helfer Kempf: Verschiedene Schichten von Leid und Schwierigkeiten

SPIEGEL: Was war die größte Herausforderung für Sie als internationaler Helfer?

Kempf: Bis die Gefechte aufgehört haben, war unser Hauptproblem das Durchkommen der Verletzten zu den Hospitälern. Aden hat ein relativ gutes Niveau ärztlicher Versorgung, aber es gab an vielen Orten in der Stadt gleichzeitig Kämpfe. Das heißt, Krankenwägen kamen nicht durch, auch Privattransporte nicht. Am Samstag, als die Gefechte nach und nach eingestellt wurden, haben wir festgestellt, dass auf einmal viele Verletzte eingeliefert wurden. Es gab viele Schussverletzungen, Verletzungen durch Splitter oder durch Trümmer. Wir haben die Hospitäler mit Medikamenten, Verbandsmaterial unterstützt. Auch mit Leichensäcken.

SPIEGEL: Wie viele Tote und Verletzte gab es?

Kempf: Die Uno geht von 40 Toten aus und rund 260 Verletzten, das deckt sich mit unseren Eindrücken. Ich weiß nicht, ob die Verletzten vor allem Zivilisten oder Kämpfer sind. Mein Eindruck ist, dass es ein Konflikt zwischen den verschiedenen Parteien hier war und sich nicht gegen die normale Bevölkerung richtet. Aber wenn man in einer großen Stadt um sich schießt, dann sind eben auch Zivilisten in der Schusslinie.

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SPIEGEL: Wie kommt es, dass die Versorgungslage in Aden vergleichsweise gut ist?

Kempf: Die Lage ist nicht gut in Aden, aber viel besser als beispielsweise auf den Dörfern, wo fast wöchentlich etwas passiert, nur hören wir davon kaum etwas. Aden liegt im Gebiet der offiziell anerkannten Regierung – es ist eigentlich ihr Sitz, auch wenn es jetzt fraglich ist, wie es weitergeht. Das heißt, wir sind hier nicht von der Seeblockade gegen die von den Houthis kontrollierten Häfen betroffen und haben natürlich auch unsere eigenen Kanäle, um medizinische Versorgung ins Land zu bekommen.

SPIEGEL: Und wenn man über diese Kanäle nicht verfügt?

Kempf: Für die normale Bevölkerung scheitert es in der Regel am Preis: Die Preise steigen seit Jahren, seit der Konflikt angefangen hat, und die wenigsten haben noch einen festen Job mit regelmäßigem Einkommen. Dazu kommt, dass die Behörden keinen vollumfassenden öffentlichen Dienst mehr anbieten. Für die Bevölkerung im Jemen sind das wie verschiedene Schichten von Leid und Schwierigkeiten übereinander, und dazu kamen nun noch die jüngsten Kämpfe dazu.

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SPIEGEL: Wie geht es nun weiter, da Separatisten den Sitz der offiziellen Regierung in Aden erobert haben? Wird das die humanitären Hilfslieferungen erschweren?

Kempf: Wir hoffen, dass wir und die anderen Organisationen hier weiter unsere Arbeit machen können. Für die Bevölkerung. Im Moment liegt der Fokus auf Aden, aber wir dürfen nicht vergessen: Im ganzen Jemen gibt es sehr viel zu tun.