G7-Gipfel: Streiten, protestieren, surfen

Wenn sich Emmanuel Macron eine Sache vorgenommen hat für diesen Gipfel in Biarritz, dann ist es die, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Disruption gilt als ein Grundmotiv seiner Präsidentschaft – warum also nicht auch bei diesem Gipfel?

Zu dieser Erzählung passt gut, dass sich Macron mit US-Präsident Donald Trump nach dessen Ankunft rein zufällig in der Eingangshalle des „Hotel du Palais“ trifft und ihm spontan ein Arbeitsessen vorschlägt. Trump sagt zu, und 20 Minuten später sitzen beide Staatschefs vor einem weiß eingedeckten Tisch auf der Restaurantterrasse des Gipfelhotels.

Man werde über eine Menge politischer Krisen zu reden haben, erklärt Macron vor schnell herbeigerufenen Journalisten – über Syrien, Libyen, die Ukraine, Iran und Nordkorea, über die wirtschaftliche Lage in den G7-Ländern, über Maßnahmen gegen den Klimawandel, die Brände im Amazonasgebiet und vieles mehr. Macron gefällt sich in der Rolle des Weltenretters. Er glaubt fest daran, dass Frankreich und damit er selbst in dieser angespannten internationalen Ordnung, die auseinanderzubrechen droht, ein Mittler sein kann.

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G7-Gipfel in Biarritz: Krisenstimmung und Proteste

Nachdem Trump vier Minuten lang schweigen musste, lobt er die „besondere Beziehung“ zwischen Macron und ihm. Sie seien schon seit Langem Freunde. Außerdem sei das Wetter perfekt und der Tagungsort phantastisch. „Wir werden an diesem Wochenende viel erreichen.“ Kein Wort zu den Strafzöllen auf französische Weine, die Trump noch kurz vor seiner Abreise angedroht hatte; kein Wort zum Handelskrieg mit China oder zu der „Torheit Macrons“, eine Steuer auf amerikanische Internetunternehmen einzuführen. Zur Gipfeldiplomatie gehört auch, garstige Tweets vergessen zu können.

„Thank you, Donald“, sagt Macron zu dem Mann, der ihn dazu veranlasst haben muss, für diesen Gipfel vorsichtshalber kein Abschlusskommuniqué anzukündigen. Dann werden die Journalisten gebeten, die Restaurantterrasse zu verlassen.

Früher weniger Überraschungen

Wenige Stunden zuvor sitzt die Amerikanerin Gayle Smith in einem Café im nicht gesperrten Teil der Strandpromenade von Biarritz. Ihre Mitarbeiter ziehen gerade die „Avenger“-Kostüme aus, in denen sie – als die sieben Staatschefs verkleidet – über den Strand gelaufen sind, um für die Gleichbehandlung der Geschlechter zu demonstrieren, ein anderes großes Thema dieses Gipfels. Smith ist Präsidentin der Nichtregierungsorganisation One, die sich unter anderem für die Bekämpfung extremer Armut weltweit, vor allem aber in Afrika einsetzt.

Als Beraterin für Entwicklungshilfe hat sie jahrelang unter Barack Obama im Weißen Haus gearbeitet. Die 63-Jährige hat viele Gipfel erlebt, lange Zeit auf der Seite der Gastgeber. Mit Wehmut denkt sie an das G8-Treffen im Jahr 2012 in Camp David zurück. Sie seien sich auch damals nicht immer einig gewesen, sagt Smith. „Aber wir haben uns gegenseitig vertraut, es gab nicht so viele Überraschungen wie heute. Wir wussten immer, was zum Beispiel Deutschland machen würde, auch wenn es nicht das war, was wir wollten. Aber wir kannten die deutsche Haltung, weil wir uns mit unseren Partnern ausgetauscht haben.“ Alle habe die Überzeugung geeint, dass ein unilaterales Vorgehen niemanden voranbringe. Was sie jetzt erlebe, sei mehr als eine Fragmentierung. „Ich würde es eher Defätismus nennen.“

Protest-Zeichnung im Sand

Thomas Samon/AFP

Protest-Zeichnung im Sand

Am Freitag war Smith im Elyséepalast in Paris, Macron hatte NGO-Vertreter zum Mittagessen eingeladen. Es sei ein gutes Treffen gewesen, sagt sie. Ihre Organisation One hat monatelang mit Sherpas der französischen Regierung zusammengearbeitet und Vorschläge gemacht, wie man Gleichberechtigung gesetzlich verankern und Frauen in Afrika in ihrer wirtschaftlichen Selbstständigkeit unterstützen könnte. Am Tag zuvor hat One von einem Künstler die Gesichter der sieben Staatschefs in den Strand zeichnen lassen, darunter der Slogan „Turn the Tide for Gender Equality“ – „Lasst uns das Blatt für Gleichberechtigung wenden“. Die Flut hat das Werk noch am selben Abend vernichtet.

Frankreich hat den weltweiten Kampf gegen Ungleichheiten zu einer Priorität für den Gipfel erklärt. Und es werden wahrscheinlich diese, in Arbeitskreisen vorab gut vorbereiteten Themenfelder sein, die in Biarritz am ehesten zu konkreten Ergebnissen führen könnten. Dazu gehört auch der Kampf gegen den Klimawandel, zu dem es eine schon vorbereitete Vereinbarung mit der Textilindustrie gibt – laut Macron der Verursacher für 30 Prozent aller Abfälle, die sich in den Weltmeeren wiederfinden.

Biarritz ist ein merkwürdiger Ort in diesen Tagen, eine Geisterstadt mit gesperrtem Strand und leeren Caféterrassen, Busse und Taxen haben den Betrieb eingestellt. Es geht nur noch zu Fuß voran. Jeder in der Stadt trägt Ausweise an bunten Bändern um den Hals, um als Anwohner, Journalist oder Tourist die Polizei-Checkpoints überwinden zu können. Demonstriert wird vorrangig anderswo, etwa in der Nachbargemeinde Bayonne, wo Gipfelgegner mit der Polizei aneinandergeraten.

Video aus Biarritz: „Die Stadt ist zu einer Festung geworden“

SPIEGEL ONLINE

Eine gute Stunde bevor Trump und Macron in der Halle des Hotel du Palais zufällig aufeinander treffen, steht der Gastronom Charles Cuxac in seinem leeren Strandrestaurant an der „Plage de la Côte des Basques“ und dreht sich einmal um 360 Grad. „Es ist Samstagmittag, der 24. August. Hauptsaison. Normalerweise wissen wir da nicht mehr, wohin mit den Gästen. Aber sehen Sie hier irgendjemanden?“ Ein einziger Tisch ist besetzt, mit zwei Personen.

Cuxacs Restaurant lag eigentlich in der gesperrten blauen Zone der Stadt, bis sich zwei Tage vor Beginn des Gipfels jemand erbarmte und den Kontrollpunkt der Polizei 50 Meter weiter verlegte. Nun ist das „Carlos“ wieder für alle zugänglich, nur weiß das kaum jemand. Ein Kollege von der „Bar Jean“ beklagte sich in der Lokalzeitung über einen Umsatzverlust von 90 Prozent am Freitag.

„Solidarisch zeigen mit meiner Stadt“

Charles Cuxac beklagt sich nicht. Er hätte den Laden auch schließen können, aber das hat er bewusst nicht getan. „Ich wollte mich solidarisch zeigen mit meiner Stadt“, sagt er. „Dieser Gipfel wird kurzfristig einige negative Auswirkungen haben, aber langfristig sehr positiv sein für Biarritz. Davon bin ich überzeugt.“ Die ganze Welt schaue gerade auf seine Stadt.

Auch Cuxac trägt Passierkarten an einem bunten Band um den Hals. Allerdings hat er gleich drei davon, denn seine Wohnung liegt mitten in der Zone 0 – im Bellevue, dem ehemaligen Casino, das nun als Tagungsort für den G7-Gipfel dient.

„Wenn ich ein Loch ins Parkett bohren würde, könnte ich mir alle von oben ansehen: Trump, Merkel, Johnson und die anderen.“ Für den Nachhauseweg braucht er nun eine halbe Stunde statt drei Minuten, weil er einmal um die gesamte Sicherheitszone herumgehen muss. „Macht aber nichts, ist ja bald wieder vorbei“, sagt er. Am Abend will er surfen gehen, zum ersten Mal seit zwei Jahren. Sonst war es ihm im August immer zu voll im Meer.