Friedensnobelpreis 2019: Wird es Greta – oder doch der Papst?

Glaubt man den Buchmachern, ist Greta Thunberg als Friedensnobelpreisträgerin gesetzt. Seit die heute 16-jährige Schwedin im Sommer 2018 mit ihrem Schulstreik für das Klima begann, hat sie Millionen Jugendliche weltweit inspiriert und die Klimaschutz-Bewegung „Fridays for Future“ ins Rollen gebracht. Dass sie die wichtigste politische Auszeichnung der Welt tatsächlich erhält, ist jedoch nicht sicher.

Gemeinsam mit Thunberg stehen 300 weitere Kandidaten auf der Liste der Nominierten – der vierthöchste Wert jemals. Laut Nobelkomitee finden sich darunter 222 Einzelpersonen und 78 Gruppen. Wer genau auf der Liste steht, ist unbekannt. Das Komitee schweigt dazu, wie immer.

Wer darf Einzelpersonen oder Organisationen nominieren?

Diejenigen, die nominieren durften – Juristen, Wissenschaftler, vormalige Preisträger – können den Namen der Person oder Organisation, die sie vorgeschlagen haben, hingegen öffentlich ausplaudern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird bereits seit vielen Jahren als eine der Favoritinnen gehandelt, ebenso wie Papst Franziskus. Und US-Präsident Donald Trump hat sich sogar selbst als möglicher Preisträger ins Spiel gebracht. Er bat Japans Ministerpräsident Shinzo Abe im Februar um eine Nominierung. Sein Wunsch wurde erfüllt.

Für welche Leistung wird der Friedensnobelpreis vergeben?

Die Auszeichnung für Frieden wird als einziger der fünf Nobelpreise im norwegischen Oslo statt in Schwedens Hauptstadt Stockholm verliehen – wie in jedem Jahr auch diesmal am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

  • Den Friedensnobelpreis soll erhalten, wer „am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt hat, für die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen“.
  • Seit 1960 werden auch der Einsatz für Menschenrechte geehrt.
  • Und seit 2004 gilt auch das Wirken für die Umwelt als preiswürdig.

Zuletzt hatte das Komitee mit seinen Entscheidungen häufig überrascht und weniger bekannte Kandidaten ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr ging der Preis etwa an den kongolesischen Arzt Denis Mukwege und die jesidische Aktivistin Nadia Murad „für ihren Einsatz gegen sexuelle Gewalt als Waffe in Kriegen und bewaffneten Konflikten“. An diesem Freitag wird bekannt gegeben, wer in diesem Jahr geehrt wird. Fünf Kandidaten werden besonders hoch gehandelt.


Greta Thunberg

Die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg ist in den Medien so omnipräsent, dass man denken könnte, sie stünde schon seit Jahren im Zentrum der Weltöffentlichkeit. Tatsächlich aber startete die junge Schwedin ihren Klimaprotest vor dem Reichstag in Stockholm vor nicht einmal 14 Monaten.

Greta Thunberg - Ikone der Klimabewegung

Jim Urquhart/ Reuters

Greta Thunberg – Ikone der Klimabewegung

Trotz ihres Alters ist Thunberg mit ihrer Botschaft für einen stärkeren Einsatz gegen die Klimakrise zur größten Favoritin für den diesjährigen Friedensnobelpreis geworden.

Sie wäre die jüngste Preisträgerin in der Nobelgeschichte überhaupt. Vor der Bekanntgabe der renommiertesten politischen Auszeichnung der Welt wird sie von mehreren Wissenschaftlern zum engeren Kandidatenkreis gezählt, verschiedene Wettbüros sehen sie als klare Spitzenkandidatin.


Abiy Ahmed

Neben Thunberg fällt ein anderer Name besonders häufig. „Ich denke, das Komitee wird sich für Abiy Ahmed entscheiden, den Ministerpräsidenten von Äthiopien“, sagt der norwegische Nobelhistoriker Asle Sveen. Abiy hat mit dem Nachbarland Eritrea nach vielen Jahren des Krieges ein Friedensabkommen geschlossen und einen Reformprozess in Gang gesetzt. „Das stünde im Einklang mit Alfred Nobels Testament“, meint Sveen.

Abiy Ahmed - Reformer im alten System

Tiksa Negeri/ Reuters

Abiy Ahmed – Reformer im alten System

In seiner Heimat gilt Ahmed als Hoffnungsträger. Seit seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren hat der Regierungschef Tausende Dissidenten freigelassen und korrupte Beamte entlassen. Er steht für einen Neubeginn nach einer langen Phase staatlichen Terrors.

Wahr ist aber auch: Der Polit-Star aus der Oromo-Volksgruppe operiert immer noch im alten System, eine Verfassungsreform hat es in Äthiopien bislang nicht gegeben. Er wurde von der seit 1991 regierenden Vier-Parteien-Diktatur EPRDF ernannt, um Massenproteste der Bevölkerung zu beenden. Die EPRDF selbst und ihre repressiven Gesetze existieren jedoch weiterhin.


Nathan Law

Der 26-jährige Nathan Law ist einer der führenden Köpfe der prodemokratischen Protestbewegung in Hongkong. Der Direktor des Osloer Instituts für Friedensforschung Prio, Henrik Urdal, zählt ihn zu den Topfavoriten für den Friedensnobelpreis. Als Studentenvertreter gehörte Law 2014 zu den Initiatoren der 79-tägigen Regenschirm-Bewegung, die sich insbesondere für eine freie Direktwahl in der chinesischen Sonderverwaltungszone einsetzte.

Nathan Law - kämpft für das Gesetz in Hongkong

Michael Melia/ AP

Nathan Law – kämpft für das Gesetz in Hongkong

Im Frühjahr 2016 gründete er die Partei Demosisto und kämpfte für die Unabhängigkeit der ehemaligen britischen Kolonie Hongkong von der Volksrepublik China. Im Herbst des Jahres wurde Law in das Parlament der Stadt gewählt – als jüngster Abgeordneter in der Geschichte des Gremiums.

Als er seinen Eid leisten sollte, kam es zum Eklat. Zwar sprach Law die vorgegebene Eidesformel, in der alle Abgeordneten der Volksrepublik China Treue schwören müssen. Davor kritisierte er die Vereidigung jedoch als ein „Werkzeug der Autoritäten zur Unterdrückung der öffentlichen Meinung“. 2017 wurde Law für Aktivitäten im Rahmen der Regenschirm-Bewegung zu acht Monaten Haft verurteilt. Außerdem wurde ihm für fünf Jahre untersagt, politische Ämter zu übernehmen.


Ilwad Elman

Auch die somalische Friedens- und Menschenrechts-Aktivistin Ilwad Elman steht auf der Favoritenliste des Osloer Instituts für Friedensforschung Prio ganz weit oben. Unter anderem unterstützt und versorgt die 29-Jährige junge Frauen, die im Bürgerkriegsland Somalia Opfer von sexuellen Gewaltverbrechen geworden sind. Sie arbeitet in der Nichtregierungsorganisation „Elman Peace and Human Rights Center“, die von ihrer Mutter Fartuun Adan gegründet wurde.

Ilwad Elman kämpft für Frauen, die in Somalia Opfer von sexuellen Gewaltverbrechen wurden

Thomas Trutschel/ Photothek/ Getty Images

Ilwad Elman kämpft für Frauen, die in Somalia Opfer von sexuellen Gewaltverbrechen wurden

Ilwad Elmans Vater starb 1996 im somalischen Bürgerkrieg, woraufhin die Familie zunächst nach Kanada auswanderte. Doch 2010 kehrte Ilwad Elman mit ihrer Mutter zurück, um sich für Frieden in ihrer Heimat einzusetzen. 2014 erhielt sie ein Stipendium der „Young African Leaders Initiative“ des US-Außenministeriums. Außerdem wird sie von der Stiftung des früheren Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Kofi Annan, unterstützt.


Hadschar Scharif

Mit der 26-jährigen Friedens- und Frauenrechts-Aktivistin Hadschar Scharif aus Libyen findet sich unter den diesjährigen Favoriten für den Friedensnobelpreis eine weitere sehr junge Kandidatin. Henrik Urdal vom Osloer Institut für Friedensforschung Prio ist der Meinung, das Engagement junger Aktivisten sei in den vergangenen Jahren immer bedeutender geworden. „Junge Leute setzen die Agenda für Themen, die für Frieden und Sicherheit sowohl lokal als auch global von entscheidender Bedeutung sind.“

Hadschar Scharif - kämpft für ein demokratisches Libyen

Eric Roset/ Extremely Together/ Kofi Annan Foundation

Hadschar Scharif – kämpft für ein demokratisches Libyen

Daran hat auch Hadschar Scharif mitgearbeitet. Während ihres Jurastudiums erlebte sie den Bürgerkrieg in ihrer Heimat Libyen im Jahr 2011 aus nächster Nähe. Sie gründete ihre eigene Organisation mit dem Namen „Together We Build It“, die sich für eine demokratische Erneuerung in dem nordafrikanischen Land einsetzt.

Eines ihrer Hauptziele ist es, dass sich Frauen und junge Leute stärker in der Politik engagieren dürfen. Von Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon wurde Hadschar Scharif gebeten, an der Weiterentwicklung einer Resolution der Vereinten Nationen zu Frauenrechten mitzuwirken.