Elon Musks Firma unter Druck: Tesla-Aktionäre in der Realitätshölle

Tesla-Chef Musk (Mitte) in Shanghai: Der Autobauer steht unter Druck, weil die Produktion und der Verkauf des Model 3 nicht zufriedenstellend laufen.

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Tesla-Chef Musk (Mitte) in Shanghai: Der Autobauer steht unter Druck, weil die Produktion und der Verkauf des Model 3 nicht zufriedenstellend laufen.

Lange schien es, als zeige der US-Elektroautobauer Tesla der konventionellen Konkurrenz den Weg in die Zukunft. An der Börse erlebten die Aktien einen Höhenflug – doch in den vergangenen Monaten stürzten sie regelrecht ab. Was ist da los? 

Lange sah es so aus, als hätte das Zeitalter der modernen Mobilität zumindest an der Börse längst begonnen. Die Papiere beispielsweise von Volkswagen Börsen-Chart zeigen, BMW Börsen-Chart zeigen oder Daimler Börsen-Chart zeigen verloren in den vergangenen fünf Jahren unter dem Strich etwa ein Viertel ihres Wertes. Der japanische Wettbewerber Toyota Börsen-Chart zeigen dagegen, der sich mit seinen Hybridantrieben schon früh von der konventionellen Konkurrenz absetzte, konnte im gleichen Zeitraum an der Börse ungefähr im gleichen Maße zulegen.

Noch deutlicher eilte zudem Tesla Börsen-Chart zeigen davon. Auf Sicht von fünf Jahren liegt die Aktie des US-Elektroautoherstellers mit rund 60 Prozent im Plus. Sie performte damit weit besser als die herkömmliche Autoindustrie weltweit, gemessen etwa am Index MSCI ACWI Automobiles & Components, der über diese Zeit ein Minus von rund 9 Prozent verzeichnet. Und weil Tesla erst vor rund 15 Jahren praktisch aus dem Nichts auftauchte, wird der Vorsprung größer, je weiter der Betrachtungszeitraum in diese Richtung ausgedehnt wird.

Vor dem Hintergrund wird deutlich, wie sehr sich die Zeiten für die Tesla-Aktionäre geändert haben. Schon über den Zeitraum der vergangenen zwölf Monate verzeichnete das Papier in der Gesamtrechnung keinen Kursgewinn mehr. Richtig dicke kam es zudem seit Anfang dieses Jahres: Da liegt Tesla am Aktienmarkt bislang mit mehr als 20 Prozent im Minus, während sich die Kurse der Konkurrenz zumeist zumindest stabil bis leicht ansteigend entwickelt haben.

Was ist also passiert? Glaubt die Börse plötzlich nicht mehr an den Pionier der E-Mobilität aus Kalifornien, dessen charismatischer Chef Elon Musk lange Zeit mit Visionen und Ankündigungen die Fantasie der Investoren nährte?

Tatsächlich fällt die Zeit der offensichtlichen Ernüchterung am Aktienmarkt genau zusammen mit einer neuralgischen Phase in der Unternehmensentwicklung Teslas: Jahrelang produzierte der Konzern ausschließlich vergleichsweise geringe Stückzahlen der teuren, hochentwickelten Modelle S und X für eine kleine Zielgruppe vermögender oder gut verdienender Kunden mit einem Faible für das Moderne, Besondere sowie für Umweltpioniere, die es sich leisten können. Die Möglichkeit, Elektroautos in der Masse herzustellen und im wirklich großen Stil – ähnlich wie Volkswagen, Toyota und andere es mit ihren Produkten seit Jahrzehnten tun – unters Volk zu bringen, war lediglich ein Versprechen von Konzernchef Musk, das irgendwann in der Zukunft einmal Realität werden sollte.

Doch diese Zukunft ist nun erreicht. Seit gut einem Jahr produziert und verkauft Tesla das Model 3, welches deutlich günstiger ist als die Vorgängermodelle, und welches in erheblich größerer Stückzahl vertrieben werden soll. Mit dem Model 3, so der Plan, will sich Tesla als Massenhersteller etablieren und nicht zuletzt auch endlich dauerhaft aus den Verlusten herauskommen.

Im Klartext heißt das: Ende der Versprechungen und Ankündigungen, willkommen in der Wirklichkeit – Tesla-Chef Musk muss liefern. Das gelingt ihm jedoch bislang alles andere als überzeugend, und genau das ist der Grund für die zeitweilige Kehrtwende im Aktienkurs des Unternehmens.

Hier nur eine Auswahl der schlechten Nachrichten aus dem Hause Tesla, die die Investoren in der jüngeren Vergangenheit verärgert haben dürften:

Schlechte Geschäftszahlen

Dass Tesla im ersten Quartal dieses Geschäftsjahres weniger Autos verkaufen würde als zuvor, war bereits antizipiert worden. Aber das Unternehmen blieb mit seinen Geschäftszahlen sogar noch hinter diesen gedämpften Erwartungen zurück. Konzernchef Musk spricht von einer „Auslieferungshölle“, nachdem er früher bereits den Begriff „Produktionshölle“ geprägt hatte. Offenbar gibt es weiterhin Probleme, die Herstellung der gewünschten hohen Stückzahlen des Model 3 am Laufen zu halten. Ein Indiz: In der Tesla-Fabrik in Fremont stieg der Krankenstand unter den Mitarbeitern im vergangenen Jahr um das Dreifache an. Als Folge der schwachen Absatzzahlen haben Tesla und der japanische Elektronikkonzern Panasonic Börsen-Chart zeigen offenbar bereits Investitionen in Milliardenhöhe, die in die Batterieproduktion fließen sollten, auf Eis gelegt, wie die japanische Zeitung „Nikkei Asian Review“ berichtet.

Eskapaden des Firmenchefs

Vor allem auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, aber auch beispielsweise bei Analystenkonferenzen fällt Tesla-Chef Musk seit Jahren immer wieder aus der Rolle. Als er völlig voreilig einen angeblich geplanten Rückzug seines Unternehmens von der Börse verkündete, brachte ihm das heftigen Ärger mit der US-Börsenaufsicht SEC ein. Die Folge: Musk musste den Vorsitz des Tesla-Verwaltungsrates abgeben – und der Streit mit der SEC ist bis heute nicht beigelegt. Wichtige Investoren des Unternehmens fragten sich schon öffentlich, ob Musk in dieser wichtigen Zeit wirklich seine volle Energie in die Tesla-Führung einbringe.

Schlingerkurs im Vertrieb

Regelrecht planlos wirkt Tesla derzeit beim Vertrieb seiner Fahrzeuge. Um günstigere Preise kalkulieren zu können, kündigte das Unternehmen jüngst zunächst an, Verkaufsstellen zu schließen und Autos künftig ausschließlich online zu verkaufen. Kurz darauf machte Tesla-Chef Musk einen Rückzieher von dieser Entscheidung. In dieser Woche berichtet nun das „Wall Street Journal“ von einer weiteren Wende: Tesla schließe für die Basisversion des Model 3 seinen Online-Shop, schreibt die Zeitung. Kunden könnten das Auto nur noch per Telefon oder im Tesla-Laden bestellen.

Rätselraten um den Autopiloten

Auch die Informationen, die Tesla zuletzt zur Zahl der Unfälle von Tesla-Fahrzeugen mit dem sogenannten Autopiloten veröffentlichte, geben Rätsel auf. Die gängige Annahme dürfte sein, dass Tesla – wie auch andere Autobauer – diese Art der Assistenzsysteme, die ja noch weit davon entfernt sind, perfekt zu sein, laufend weiterentwickelt und verbessert. Was Tesla zuletzt mitteilte, lässt allerdings Zweifel an dieser Vermutung aufkommen: Den Angaben des Herstellers zufolge nimmt die Häufigkeit der Unfälle von Tesla-Autos mit eingeschaltetem „Autopiloten“ nicht etwa ab – sie steigt vielmehr. Eine Erklärung für diese merkwürdige Tendenz liefert das Unternehmen nicht.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Alles in allem erscheint es also kaum verwunderlich, dass Investoren derzeit offenbar mehr Gründe sehen, Tesla-Aktien zu verkaufen als sie zu erwerben. Für ein abschließendes Urteil über den Elektroautobauer dürfte es dennoch viel zu früh sein. Es handelt sich vielmehr wie immer an der Börse lediglich um eine Momentaufnahme.