Coronavirus: Mund-Nasen-Schutz-Pflicht – Woher sollen denn die vielen Masken kommen?

Die Frage nach Atemschutzmasken hört die freundliche Dame in der Arminius-Apotheke im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg an diesem Tag nicht zum ersten Mal. „Wegen der großen Nachfrage können wir pro Kunde nur zwei Atemmasken abgeben“, erklärt sie mit routiniertem Unterton. Auch sie selbst bekämen wöchentlich nur einen Bruchteil der bestellten Menge geliefert. Und ernsthafte Alternativen gebe es nicht. „Andere Anbieter fordern extreme Preise, oder sie verlangen Vorkasse. Und dann weiß man nicht, ob sie auch liefern.“ Eine Notration habe sie noch im Lager, fügt die Frau noch hinzu. Aber diese Masken seien im Einkauf doppelt so teuer gewesen, ohne besser zu sein.

Ein Stückchen weiter, in einer Apotheke am Kollwitzplatz, fällt die Antwort erheblich dünner aus: „Schwierig“, antwortet die Dame hinter dem Plexiglas-Schutzschild. „Wir wissen nicht, wann sich die Lage bessert“. Aber ab dem 27. gebe es doch eine Pflicht… „Wenn Sie Bahn fahren wollen, dann genügt auch ein Schal. Oder was Selbstgenähtes.“ Die Anleitungen dafür stünden im Internet. Kurzes Lächeln. „Der Nächste, bitte!“

Nervenstärke dürfte in der nächsten Zeit gefragt sein – nicht nur bei Apothekern. Denn spätestens ab der kommenden Woche gilt in allen Bundesländern Mund-Nasen-Schutz-Pflicht. Jeder, der Bus und Bahn benutzen will oder zu einem Einkaufsbummel aufbricht, sollte dann den kleinen Corona-Schutzschild ebenso dabeihaben, wie seine Fahrkarte oder sein Portemonnaie. Der Ansturm ist also programmiert. Und der überfordert aller Voraussicht nach nicht nur Apotheken, sondern auch Drogerien und Supermärkte.

Deren Mitarbeiter werden die Kunden allerdings auch eher auf die Do-it-yourself-Lösung verweisen müssen. Denn das Angebot an Atemschutzmasken wird auch in den kommenden Tagen kaum größer werden, die großen Ketten planen aktuell lediglich für den eigenen Bedarf.

Zunächst für den eigenen Bedarf

Oberste Priorität habe zunächst die Ausstattung der eigenen Mitarbeiter mit Schutzmasken, heißt es beim Discounter Aldi Süd – was erst mal unfreundlicher klingt, als es in Wirklichkeit ist. Denn die Masken dienen den Virologen zufolge schließlich in erster Linie dem Schutz des Gegenübers. Aldi versichert aber auch, die Atemschutzmasken so schnell wie möglich in sein Sortiment aufzunehmen. Einen Termin kann der Sprecher aber ebenso wenig nennen wie den voraussichtlichen Verkaufspreis.

In den Drogeriemärkten sieht die Situation nicht viel anders aus. Bei dm hieß es bereits vergangene Woche, man bemühe sich, zunächst den eigenen Bedarf zu decken. Die Beschaffung für die Kunden sei schwierig. Bei der Kette Budnikowski, die in Hamburg und Berlin Drogerien betreibt, liegt die Sache ähnlich. Sie warteten auf die Masken für die Mitarbeiter, erklärt die Leiterin der Filiale am Prenzlauer Berg. Wann die Masken ins Sortiment aufgenommen würden, darüber könne sie nichts sagen.

Lebensmittelhändler wie Rewe und Edeka suchen bereits nach Lösungen, damit die Mundschutzpflicht nicht zu gähnender Leere in ihren Läden führt, denn sie müssen ab Montag Kunden ohne Atemschutz den Zugang verwehren. Allerdings gilt es zunächst, die eigenen Mitarbeiter auszurüsten. Edeka hofft, bis Anfang Mai sowohl für Mitarbeiter als auch für die Kunden Masken anbieten zu können.

Lieferketten müssen neu aufgebaut werden

Wobei zunächst wohl nur die Ausgabe einzelner Masken an Kunden für den konkreten Einkauf gemeint ist. Denn für einen geordneten Verkauf werden die Kapazitäten noch auf längere Sicht kaum ausreichen. Den Markt bedienen inzwischen zu 90 Prozent chinesische Hersteller, die die Nachfrage in der Vor-Corona-Ära auch locker bedienen konnten. Inzwischen aber ist die weltweite Nachfrage regelrecht explodiert. Das gilt sowohl für einfachen Mund-Nasen-Schutz als auch für die höherwertigen FFP2-Masken, die vor allem in medizinischen Einrichtungen benötigt werden. „Es bestehen massive Lieferengpässe bei OP-Masken und bei FFP-Masken“, erklärt eine Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Das Problem beginnt schon bei den Vorprodukten: Dem Spezialvlies, das in den Stoff- und OP-Masken als Filter dient. „Leider sind unsere Fertigungskapazitäten zum aktuellen Zeitpunkt vollkommen ausgeschöpft“, teilte zuletzt etwa die Firma Sandler in Schwarzenbach an der Saale mit, das gelte bis Juni.

Für die Produktion von Mund-Nase-Masken würden Lieferketten neu aufgebaut, Kapazitäten bei Vliesstoffherstellern vergrößert und ganze Produktionslinien umgestellt, sagte Hauptgeschäftsführer Uwe Mazura der „Rheinischen Post“. „Es handelt sich dabei um Lieferketten, die seit Jahrzehnten in Europa nicht mehr nachgefragt waren.“ Fehlende Maschinen müssten vielerorts erst beschafft werden. „Angesichts der ungeheuren Dynamik können wir derzeit keine Größenordnungen für die Maskenproduktion in Deutschland beziffern.“

Für vorübergehende Linderung können die erwähnten Do-it-yourself-Masken sorgen, die man mit ein bisschen Geschick (und im besten Fall mit einer Nähmaschine) selbst nähen kann. Oder in einem der kleinen Läden kaufen, die darin in Coronazeiten ein lukratives Neben- beziehungsweise Ersatzgeschäft entdeckt haben. Ob in der Reinigung, in der Änderungsschneiderei oder im Weinladen: In vielen Städten bieten einzelne Geschäfte selbst genähte Masken gerade zu Preisen von 10 bis 15 Euro an. Ob das ausreicht, um den großen Bedarf zu decken, bleibt offen. Aber immerhin sind die Selfmade-Masken in der Regel wiederverwendbar.

Doch auch das dürfte den massiven Anstieg der Nachfrage, der ab Montag zu erwarten ist, kaum kompensieren. Und das allgemeine Gefühl des Mangels dürfte das Problem noch verschärfen. Denn es heizt die Nachfrage zusätzlich an – sogar über den zunächst erforderlichen Gebrauch hinaus. „Ich denke mal, wenn wir die Masken erst mal haben, wird das so laufen wie beim Toilettenpapier zu Beginn der Coronakrise“, sagt der Betreiber eines Edeka-Ladens. „Wir werden die Regale gar nicht so schnell auffüllen können, wie die Kunden sie leer räumen.“

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