Chefwechsel bei Dax-Konzern: Was Investoren vom neuen SAP-Führungsduo erwarten

Der Software-Konzern SAP überrascht mit einem Wechsel an der Spitze. Die künftigen Co-Chefs sollen so erfolgreich sein wie der bisherige – aber auf andere Weise.

So viel steht schon fest: Die Investoren reagieren ziemlich erfreut auf den Chefwechsel bei SAP Börsen-Chart zeigen. Um bis zu 8 Prozent schoss die Aktie des Software-Konzerns am Freitag in die Höhe. Zuvor war bekannt geworden, dass Bill McDermott überraschend als SAP-CEO zurücktritt und durch das Duo Jennifer Morgan und Christian Klein ersetzt wird. Zwar legte SAP zeitgleich auch erfreuliche Geschäftszahlen vor. Sollten die Anleger jedoch etwas gegen den Wechsel an der Konzernspitze einzuwenden haben, wäre die Kursreaktion der Aktie zweifellos anders ausgefallen.

Die Zustimmung verwundert nicht, denn die Aussichten für die SAP-Aktie bleiben gut. SAP wächst seit geraumer Zeit, der Aktienkurs steigt entsprechend, und kaum etwas spricht dafür, dass sich daran unter der neuen Führung etwas ändern sollte. Seit 2010 stand Bill McDermott an der Spitze des Unternehmens, zunächst im Duett mit Jim Hagemann Snabe, ab 2014 dann alleine. Der Aktienkurs hat sich in dieser Zeit beinahe verdreifacht. Allein seit 2014 legte der Kurs auf gegenwärtig rund 113 Euro noch einmal um rund 100 Prozent zu.

Die Geschäftszahlen, die SAP in der Nacht zum Freitag für das dritte Quartal vorlegte, dokumentieren noch einmal, worauf diese Kursgewinne basieren: auf kräftigem Wachstum von Umsatz und Gewinn. Allein in den abgelaufenen drei Monaten stiegen die Erlöse des Konzerns im Jahresvergleich um 13 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro. Mit dem Gewinn ging es noch deutlicher, nämlich um 30 Prozent auf 1,26 Milliarden Euro aufwärts.

Erlöse im Cloud-Geschäft inzwischen höher als mit Software-Lizenzen

Die Aktionäre von SAP mögen mit den Kursgewinnen der Vergangenheit zufrieden sein. Von der neuen Führungsspitze des Konzerns erwarten sie jedoch ebensolche Wertzuwächse ihrer Aktien in der Zukunft. Um das zu erreichen, muss SAP die Gewinne weiter steigern, und zwar im Idealfall – wie auch im abgelaufenen dritten Quartal – schneller als den Umsatz.

Kurzum: SAPs Investoren fordern seit geraumer Zeit eine bessere Profitabilität vom Unternehmen – und das Management hat bereits zugesagt, dieses Ziel zu verfolgen.

Erst im April dieses Jahres schraubte der bisherige CEO McDermott die SAP-Ziele weiter in die Höhe. Dabei versprach McDermott den Aktionären unter anderem eine deutliche Verbesserung der Profitabilität, gemessen beispielsweise an der Bruttomarge im Cloudgeschäft, die bis 2023 nun auf bis zu 75 Prozent steigen soll, sowie an der operativen Marge auf Konzernebene. Letztere will SAP im gleichen Zeitraum um jährlich einen Prozentpunkt in die Höhe treiben. Die Cloud ist das Zukunftsgeschäft von SAP: 50 Jahre lang hat SAP vor allem mit Software-Lizenzen Geld verdient. Inzwischen übersteigen die Erlöse der Cloud-Sparte die des Lizenz-Geschäfts.

Die jüngsten Geschäftsergebnisse zeigen, dass sich der Konzern dabei offenbar auf dem richtigen Weg befindet: Im dritten Quartal stieg der fragliche Wert der Cloud-Bruttomarge Konzernangaben zufolge bereits um 5,4 Prozent auf 69 Prozent. Mit der operativen Marge ging es konzernweit ebenfalls aufwärts, und zwar im Jahresvergleich um 1,7 Prozentpunkte auf 30,6 Prozent.

Aufgabe der neuen SAP-Chefs ist es nun, diese Linie beizubehalten – allerdings mit anderen Mitteln als ihr Vorgänger. Denn so sehr Bill McDermott sowie das Unternehmen auch betonen, dass es sich beim Abgang des bisherigen CEOs um einen friedvollen Vorgang im allseitigen Einvernehmen handelt, vollkommen freiwillig hat der Amerikaner den Chefsessel in Walldorf vermutlich nicht geräumt.

Hoher Umstrukturierungsbedarf im Konzern

Vielmehr liegt bei SAP nach zehn Jahren McDermott einiges im Argen. Und die Verantwortlichen im Aufsichtsrat – allen voran Chefkontrolleur und Konzernmitgründer Hasso Plattner – hatten vermutlich nicht den Eindruck, dass der bisherige Chef der richtige Mann dafür ist, diese Missstände aus der Welt zu schaffen.

Zwei Verdienste gehen auf das Konto von Bill McDermott an der Konzernspitze: Er ließ SAP vor allem durch eine Reihe milliardenschwerer Firmenkäufe stark wachsen, und er richtete den Konzern auf das zukunftsträchtige Cloud-Geschäft aus. Die aktuellen Baustellen bei SAP sind eine unmittelbare Folge dieser beiden Errungenschaften: Im Konzern besteht jede Menge Anpassungs- und Umstrukturierungsbedarf. Vielfach ist zu hören, dass SAP-Kunden bereits unzufrieden sind, weil die vielen Einzelteile, aus denen der Konzern inzwischen besteht, sich (noch) nicht harmonisch zusammenfügen.

Außerdem müssen SAP-intern Prozesse und Strukturen an die neue Cloud-Welt angepasst werden, wie der künftige Co-CEO Christian Klein kürzlich selbst in einem Interview ausführte.

Klein ist auch der Mann, auf den wohl der Hauptteil dieser Arbeit zukommen wird. Im Führungsduo dürfte ihm eher die Leitung des Konzerns im Inneren zufallen. Die Amerikanerin Jennifer Morgan dagegen, bisher schon zuständig für das Cloud-Geschäft, gilt als Top-Verkäuferin und Vertriebsspezialistin. Eine Art Verlängerung eines Bill McDermott in die Zukunft sozusagen, wenn auch in etwas gemäßigter Form.

Zum Teil hat SAP die erforderlichen Maßnahmen zum Konzernumbau in den vergangenen Monaten bereits auf den Weg gebracht. So wurden in diesem Jahr bereits für mehrere hundert Millionen Euro mehrere Tausend Mitarbeiter umgeschult, damit sie auf zukunftsträchtige Positionen versetzt werden können. Von Investorenseite bekam der Konzern dafür Zuspruch. Der US-Hedgefonds Elliott Management etwa, der SAP-Aktien für rund 1,2 Milliarden Euro besitzt, gehört gewöhnlich zu den Aktionären von der Sorte „nie zufrieden“. Gegenüber SAP jedoch äußerte sich Elliott im Frühling dieses Jahres ungewohnt milde. Der Hedgefonds unterstütze den Kurs des Konzerns „vollumfänglich“, hieß es in einer Mitteilung im April. SAP habe sich die richtigen Ziele gesetzt.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Damit die auch künftig erreicht werden, muss SAP aus Sicht der Investoren also vor allem konsequent auf Kurs bleiben: Gelingt es Morgan und insbesondere Klein, alle SAP-Teile zu integrieren und den Konzern intern der neuen Ausrichtung anzupassen, so wird sich das Wachstum der vergangenen Jahre fortsetzen. Dann kann auch die Profitabilität wie versprochen besser werden – und der Aktienkurs weiter steigen.