Aus für Deliveroo in Deutschland: Prekär geliefert

Drei Tage, bevor Christopher M. erfuhr, dass er sich einen neuen Job suchen muss, wollte Deliveroo ihn neu einkleiden.

Damit er „noch stylisher“ auf den Straßen unterwegs sein könne, versprach ihm der türkisfarbene Lieferdienst Käppis und T-Shirts, Hoodies und Handschuhe – sogar neue Socken sollte M. bekommen. Alles, damit das schnöde Rumkurven mit Essensboxen etwas schicker aussieht. Er möge sich die Sachen doch abholen, stand in der Mail von „Team Deliveroo“, zum Beispiel am Montag, von 10 bis 17 Uhr.

Tatsächlich war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass das „Team“ mit dem Känguru-Logo bald nicht mehr existieren würde. Ab dem 16. August gibt „Deliveroo“ sein Geschäft in Deutschland auf, das teilte das britische Unternehmen seinen Fahrern an diesem Montag mit. Man will sich auf wachstumsstärkere Märkte konzentrieren.

Für die deutschen Fahrer kam der Schritt überraschend. Sie erfuhren in einer knappen Mail, unterschrieben von Deutschland-Chef Marcus Ross, von dem Rückzug ihres Arbeitgebers. Einige hielten sie zunächst für eine Fälschung. Schließlich war Ross erst im März angetreten, um Deliveroo gegen den übergroßen Konkurrenten Takeaway (Lieferando, Lieferheld, Foodora) zu verteidigen.

Noch vor drei Monaten hatte sich Amazon für satte 575 Millionen Dollar bei dem Start-up eingekauft. Deliveroo-Gründer Will Shu versprach „neue Jobs“ und „flexiblere, gutbezahlte Jobs für Fahrer“.

Geld zum Abschied

Stattdessen müssen sich nun rund 1100 Fahrer nach einer neuen Arbeit umsehen. Anders als die rund 100 Deliveroo-Angestellten und -Mitarbeiter mit Zeitverträgen waren die sogenannten „Rider“ freiberuflich tätig, Anspruch auf eine Abfindung haben sie also nicht. Sie stehen Knall auf Fall vor dem Aus. Deliveroo stand schon lange für Arbeitsbedingungen ohne Absicherung in der Kritik.

Das Unternehmen teilte allerdings mit, dass man den Fahrern „angemessene Vergütungs- und Kulanzpakete“ schnüren wolle. Fahrer, die in den letzten zwölf Wochen „aktiv“ gearbeitet haben, erhalten:

  • Eine „Good-Will“-Zahlung in Höhe von zehn Tagessätzen, basierend auf den durchschnittlichen wöchentlichen Einnahmen der 12 Wochen vor dem 3. August. Dieses Geld bekommen Fahrer in jedem Fall bis zum 16. August.
  • Eine zweite Zahlung in Höhe von zwei Wochen Lohn, basierend auf denselben Durchschnittswerten – vorausgesetzt, die Fahrer unterschreiben einen „Brief“ mit noch unklaren Bedingungen, der ihnen demnächst per Post zugestellt wird.
  • Pro Arbeitsjahr einen Monatslohn – vorausgesetzt, die Fahrer waren länger als ein Jahr für Deliveroo tätig.

Ob dieser „gute Wille“ ausreicht, um die Zeit der Arbeitslosigkeit zu überbrücken, ist fraglich – Arbeitslosengeld I bekommen die Freiberufler schließlich nicht. „Ich kenne viele Menschen, die diese Lieferungen hauptberuflich machen“, sagt Christopher M., „die können sich nicht mit zehn Tagesvergütungen einen neuen Job suchen.“ Er nennt die Zahlungen einen billigen Versuch des Unternehmens, sich „freizukaufen“. Ob sie der Software-Ingenieur, der seit einem Dreivierteljahr nebenberuflich für Deliveroo Essen ausliefert, dennoch annimmt, hänge von den Bedingungen des Vertrags ab. Noch habe er den angekündigten „Brief“ nicht bekommen.

Interessenkollektiv statt Betriebsrat

Am Montagabend traf sich in Berlin eine kleine Gruppe von Deliveroo-Fahrern, um zu beratschlagen, wie sie ihre Interessen gegenüber dem Lieferdienst durchsetzen könnten. Nach eigenen Angaben haben bisher 57 Kollegen zugesagt, das Interessenkollektiv zu unterstützen – einen Betriebsrat gibt es in so einer Konstellation nicht.

Deliveroo glaubt, seiner Verantwortung als Job-Plattform gerecht zu werden. Der Lieferdienst würde in dieser Hinsicht „weit über das gesetzliche Minimum hinausgehen“, sagt ein Sprecher. Außerdem habe man intern einen Mindestbetrag festgelegt, den arbeitslose Fahrer in jedem Fall erhalten – unabhängig vom Durchschnittslohn der letzten 12 Wochen.

Das sind 50 Euro.